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Auf eine Landschaft - Zwei Landschaften

|   Broschüre

Auf eine Landschaft 
Wahrhaftig – die Erde ist nicht gealtert,
Raum zu grossen Taten, faustisch, bietet sie noch.
Alter Geschichte Geschehen. Trojas erhabene
Landschaft und des grossen Alexanders
gewaltiges Kampffeld verblassen, und eine neue
Sage, göttlich-furchtbar, noch eh Gegenwärtiges
mythisch verschleiert in Vergangenheit sinkt, steigt uns herauf.
Gefilde im Osten, mit tausend stummen Stimmen
bringen des Vaterlands Söhne deine Kunde,
heimkehrend, vom Kampfe ruhend, in jene andere
angeborene Welt, unter die kühle
Bläue ihres Himmels, die trauliche Enge.
Aber dann lastet wieder die Stunde des Abschieds,
Dahin! - Sie ruft, jene Landschaft!
Wie ein Schicksal ihr Himmel,
furchterregend dem Schwachen, gross der Raum,
weltgeschichtliche Bühne, dunkel wüst,
durchzuckt von fahlen Lichtern und rätselvoll,
seit je verderblich sich selbst und aus sich gebärend
endlich den schrecklichsten Krieg, dass so sich erfülle
alles Geschick und die Welt sich streite an grosser Wende der Zeiten.
Nie wird alles, Russland, vergessen sein:
dein lohender Himmel, Gefahren, tödlicher, voll,
der Steppe Brennen unter den müden Sohlen,
dein würgender Sommer, rot und jäh des Herbstes
Überfall. Und der Winter. Und die Zeit, - -
das dunpfe Mahlen der Jahre. - Doch düster funkelt,
geschändet, das Gold deiner Türme, hell um die Hütten die Sonnenblume.
Aber es sind, Deutschland, deine Söhne,
tatenstark und nüchternen Herzens, die da
kämpfen, gedankenvoll, - ihrer Väter
alter Züge Spuren vefolgend, weltweit
ihr Auge, selbstvergessen, über den Gräbern
der Brüder. - Geheiligte Landschaft des Ostens, an ihnen,
den Gräbern, entzündet sich einmal zukünftigen Morgens gesegnetes Licht.

Obergefreiter Stephan Selhorst

Zwei Landschaften

Oft haben wir – nach anstrengenden Kriegstagen in den Weiten des Ostens – lange in Betrachtung des Abendhimmels versunken gestanden. Nie sonst sahen wir solche Farben. Der Himmel über den Weiten hatte sich mit einem blutigen Rot überzogen, in dessen Meer mit düsterem Glanz die untergehende Sonne schwamm. Oder er glich einem aufgewühlten Schlachtfelde: wüste Wolkengebilde vor fahlem Gelb, weiße Sonnenblitze gegen die trostlose Trübe eine in tintigem Rot und Blau verschwimmenden Horizonts – ein apokalyptisches Bild wie am letzten Tage der Welt.

Zuweilen – an Sommerabenden – rüstete sich der Himmel wie zur Feier der Nacht: zauberische Farben blühen in feinsten Tönungen auf, flüchtig bleibt alles und ständig im Wandel, phantastisch – eine großartige Symphonie von Farben, ein Himmel wie Musik, aber wie slawische Musik: gleich dieser seltsam aus Weichheit und Härte gemischt. Empfanden wir es nicht: alle Pracht dieses Himmels bleibt farbige Substanz, blutig, tintig, cremefarben, bunt gebrochenes Licht. Und darin bleibt dieser Himmel zuletzt dem deutschen Gemüte fremd. Das ist nicht die Heimat, das traumhafte Wehen goldener Abendwolken in seiner wehmutsvollen Schönheit.

Dieser Himmel war wie eine Wesensdeutung der russischen Landschaft überhaupt. Gerade der Deutsche – weltoffen und immer ausgreifend ins Weite – spürt das Großartige an diesem weiten östlichen Raum. Aber er denkt auch an die Heimat, an ihre Ebenen und Weiten, die anders sind. Die heimatliche Weite ist zultzt nur in der Vorstellung vorhanden, aber sie erhält durch die Perspektive des sie erlebenden Gemüts ihr vornehmstes Attribut: Unendlichkeit. Der Kunst eröffnet sich in der Nachgestaltung dieser Landschaft ein weites Feld. C. D. Friedrich muß hier als tiefsinniger Deuter unserer Landschaft genannt werden. Seine Bilder setzen das Seelenleben des Beschauers voraus, und in dieser unendlichen Ausdehnung des Gemüthaften eignet ihnen selbst Unendlichkeit. Sie ist nicht einmal an ein Motiv gebunden. Im „Mönch am Meer“ sowie dem „Chasseur im Walde“ lebt sie gleichermaßen. Diese geheime Beziehung zum menschlichen Gemüt macht die deutsche Landschaft gewissermaßen durchsichtig, aus dem Nebel des fernen Horizontes, der keine Begrenzung ist, führen träumerische Pfade weiter in die Ferne. Diesen Wandertrieb des Gemütes läßt die Weite des Ostens schwerlich aufkommen. Sie ist kein weites Feld für den letzten Gedanken und bleibt so bei aller Stimmungsträchtigkeit sichtbar begrenzt. Allerdings dehnen sich ihre Grenzen ins Ungeheure aus. Hier ist der Horizont nicht durchsichtige Ferne, sondern sichtbarer Akzent im schwingenden Rhythmus der Weiten, ein ferner Wogenkamm auf der See. Ein Landozean, elementar und gewaltig, aber im sanft schwingenden Linienzug dieses Anblickes zuweilen wie die schwermütige Musik dieses Landes. Alles das mutet nicht an wie jene Weiten des Malers Friedrich, wie sein Bild vom Meer, an dessen Strande der Mensch den Gedanken des Unendlichen hingegeben ist, umhüllt von den Nebeln der Tiefe.

Diese Landschaft des Ostens ist – den feinsten Bezügen unseres Gemütes entrückt – wie eine Gewalt außer uns, melancholisch und schwer.

In grellen Bildern durchziehen die Jahreszeiten diese weiten Räume. Es gibt eigentlich nur Winter und Sommer, zwischen denen Pausen, aber keine Übergänge, liegen. Der eigentliche poetische Reiz des jahreszeitlichen Naturerlebens fehlt: das romantisch Unbestimmte und Verworrene der Zwischenzeiten. Wo ist das schwärmende Wehen des jungen Frühlings, die reife Stille des Sommertages, der beschauliche Himmel des Spätsommers, der feierliche Herbst und die verschneite Heimlichkeit des heimatlichen Wintertages? Auch der Tag wechselt kraß in die Nacht hinein, keine Dämmerung webt die Tageszeiten aneinander, eine nüchterne Grenze liegt zwischen Tag und Nacht.

Hier kommt der Frühling nicht „mit leisen Sohlen über Nacht“, ein holder Genius im Schmucke der Schneeglöckchen und Anemonen. Ein unromantischer Frühling – wenn man will, der jäh und ungestüm seine wilde Blumenpracht über eine noch fast winterlich farblose Erde ausschüttet. Der Sommer vollendet nur dieses Bild der Natur, die Blumenwildnis wächst, das Land wird zu einem riesigen Blumenfeld. Der Osten ist auch ohne jenen Herbst, wie wir ihn von der Heimat her kennen und lieben: keine sonnenbeglänzten Tage mit der süßen Wehmut des Abschieds, kein farbiges Blatt, das dem Wanderer vor die Füße weht. Dieser Herbst kommt wie eine große Pause, ehe der Winter hereinbricht.

Noch stehen die Blumen des Sommers, aber ohne Kraft und Farbe, armselige Requisiten nach Abbau einer glänzenden Szenerie, alles welkt, verdorrt, schwindet dahin. Der Raum verödet. Nun gleicht er einem riesigen Saal, in dem – verdorrte Gewächse – die Erinnerungen des Sommers aufgebahrt sind. Dann ertötet der Winter die letzte Spur des Lebens.

Der Mensch ist nicht der Beherrscher dieser Landschaft, sondern ihren Gewalten ausgesetzt. Eine Landschaft ohne Straßen, ohne Spuren menschlichen Ordnungswillens, eine Landschaft ohne Architektonik. Die Städte muten wie verwilderte Gärten an, untertänig fügen sich die Dörfer dem endlosen Zug der Landschaft.

Das bedeutungsvolle Bild des die Erde bestellenden Bauern ist hier schwerlich vorstellbar, noch das des Wanderers. Der Mensch bewegt sich in diesen Weiten wie ein Wesen, das ihnen überantwortet ist, sein Gang ist kein sicheres Schreiten, vielmehr ein Sichfortbewegen und ein unentwegtes Ziehen in der Verlorenheit dieses Raumes.

Der Krieg hat die Landschaft des Ostens mit neuer Furchtbarkeit ausgestattet. Die Oede wuchs, die weglose Weite brannte den Soldaten unter den Füßen, das elementarisch Wilde dieser Natur vergrößerte sich ins Ungeheure. Nie wird alles dies vergessen sein: die Verlassenheit auf den Schlachtfeldern, die Rollbahnen, das Dröhnen der Materialschlachten und der heimtückische Krieg der Wildnis. Aber die Landschaft erhielt auch neue Größe: dem weltgeschichtlichen Drama des Krieges ist sie Bühnenraum. Im schöneren Glanze der Erinnerung sieht der Soldat jene andere Landschaft, das Bild der Heimat, die gegen die bedrohliche Gewalt des östlichen Himmelstrichs zu schützen ist. Es gäbe nun keine Brücken zwischen den beiden Landschaften, wenn nicht aus den unsäglichen Mühsalen des Krieges ein Anspruch erwüchse. Immer, wenn wir Soldatengräber erblicken, umhegt vom lieblichen Weiß des Birkenholzes, im sorgfältigen Schmuck wilder Steppenblumen wie zur Auferstehung der Toten hergerichtet, dann erschien die fremde Landschaft nicht mehr fremd. Unvergeßliche Bilder einer heroischen Landschaft: rhapsodisch der Himmel, lohend im Blut und Feuerglanz des Abends – und der Heerzug ritt – Schattenbilder gegen das feierliche Licht des Firmamentes – schweigend nach Osten. Endlos ging der Zug … Bis zum Dunst des aufwirbelnden Staubes die Gestalten langsam entschwanden und die Nacht wie ein Schicksal die Landschaft verhängte.

Von Dr. Stephan Selhorst

 

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Kirche in Rußland
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