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Die reine Kunst - Feierliche Messe

|   Broschüre

Texte von Stephan Selhorst aus der Broschüre Selhorst
Die reine Kunst
Wir wissen nichts über sie, denn sie ghört zu den letzten Dingen. Alle Aestetiken und gelehrten Kunsttheorien verblassen vor ihr wie die Berechnungen des Astronomen vor dem goldenen Licht der Sonne, ds auf dem Haar deines Mädchens oder einer schönen Blume liegt. Mit den ersten Menschen war die Kunst in der Welt, neben der ersten Steinaxt ersscheint die primitive Höhlenzeichnung des Urmenschen. Die reine Kunst verfolgt kein Ziel, noch ist sie an ein gewöhnliches Bedürfnis gebunden. Sie ist ein unverbindliches, aber ein ernstes Siel. Verheißt die Sandburg des am Meeresstrande spielenden Kindes gleich den zukünftigen Architekten? Aber über allem kindlichen Schaffen liegt der Hauch reiner Kunst, denn hier sind Leben und Mensch, die beiden Pole aller Kunst, in schönster Eintracht verbunden.

Überkam dich nicht selber zuweilen jene schöüferische Spannung zwischen Geist und Sinnen, so daß du wünschest, ein Maler oder ein Dichter zu sein? Den jungen Liebenden gelingt – herrliche Trunkenheit des Lebens – das erste Gedicht.

Ach, daß nicht alle „Blütenträume reifen“ und der Drang junger Herzen im geschäftlichen Getriebe untergeht. Wie ein Blatt nur im Buche der Erinnerungen bleibt das Gedicht des Jünglings ein Selbstgespräch, schmerzlich schön, aber verwehend wie das Blatt einer unbefruchteten Blüte.

Allein im berufenen Künstler gehen die frühen Verheißungen in Erfüllung. Ihn befruchtet das Leben, und so drängt aus gestaltlosem Kunstgefühl das Kunstwerk zum Leben. Hier beginnt die Arbeit, der Kampf mit dem Stoff, und ein weites Feld harrt der Bestellung. Indes: der whre Künstler verliert sich nicht darin, denn er ist wie ein Gärtner, der mit Mühe und Fleiß das Erdreich für den lebendigen Blumenkeim bereitet.

Alle reine Kunst erwächst aus der Ganzheit des Lebens. Sie steht höher als selbst das beste Handwerk. Das geschickteste Erzählen, die Meisterschaft im Versemachen, ja selbst der Reichtum der Ideen allein machen noch keinen Dichter. Auch mit dem bloßen Geschmack für das Schöne und Künstlerische ist es wohl nicht getan. Die Form im allgemeinen Sinne allein ist das Geheimnis der Kunst, die Gestalt, welche – indem sie selbst der Fülle des Lebns entstammt – wieder Leben ausstrahlt. Eine „absolute“ Kunst gibt es nicht, sie ist das kurzlebige Treibhausgewächs vorwitziger Aestheten. Reine Kunst kommt ungerufen wie eine schöne Blüte, wenn die Zeit reif ist und das Innere nach außen drängt in der stillen Größe des schöpferischen Augenblicks.

Von Dr. Stephan Selhorst

Die feierliche Messe

Diese feierlichste Messe unseres Lebens hörten wir nicht in einem hohen Dom. Über ihrer Feier strahlte kein Kirchenfenster, es wölkte sich kein Weihrauch, keine Orgel tönte. Aber diese Sinnbilder, die wie wehe Heimaterinnerungen in unserem matten Gemüte brannten, sollten hier vor dem Sinn selbst verblassen.

Es war an einem schönen Sommerabende, als wir drei Kriegsgefangenen uns in dem dunklen Erdbunker – wie weiland die Katakombenchristen – versammelten, wo unser Kamerad, der Pater Sch., uns zu einer privaten Feier der Messe eingeladen hatte. Wir hatten Not unterzukommen, doch wir beschränkten uns in jener geheimen Übereinstimmung der Geister, die uns auch Christus, den Gefangenen des Herodes und Pilatus, wie einen der Unsrigen erwarten ließ. Fast unbemerkt hatte dann Pater Sch. Die selbstgefertigte Stola angelegt und trat zu der als Altar hergerichteten Bettstatt; „In nomine Patris . . .“ Wenn wir vorher in stillem Gespräch beieinander gesessen hatten, so wie wir draußen in der Arbeit zusammen waren, der eine wie der andere, so gewahrten wir jetzt mit einem Male die ganz feierliche Ordnung der göttlichen Hierarchie, die den Priester Gottes weit über uns erhob. Etwas wie göttliche Disziplin ließ uns innerlich wieder straffer werden, uns, die wir, gefangen, erniedrigt, das trügerische Soldatentum dieser Welt nur mehr wie eine schandbare Last mit uns herumschleppten, uns selbst zum Spott. Zu alledem war es die lateinische Sprache der Liturgie, in dem engen Raum ganz ihre Vornehmheit enthüllend, die uns wie in eine andere Welt versetzte.

Diese fast sakramental zu nennende Feierlichkeit, die das lateinische Wort der Messe wie eine himmlische Lebensstufe um uns legte, ließ unsere stummen Gebete nur wie leise Ober- und Untertöne des Gebetes der Kirche sein. Mußten wir nicht zu diesem Altar geführt werden, um dieses Ur-Sinns der Meßhandlung gewärtig zu werden, das Geheimnis der göttlichen Einfachheit zu erfahren? Den Urgrund alles Geschaffenen und das Maß des Schöpferischen, den Urquell der Schönheit? So standen wir an den Altar gelehnt, nicht bloß als Gläubige, sondern als sollten wir – sonst in einer Welt der Verworrenheit und Täuschungen – hier die Rechtfertigung Gottes durch einen Blick in seine Geheimnisse erfahren.

Hatte so nicht alles hier: jede Bewegung der Hand des Priesters, alles, was wir sonst leichthin Zeremonie nennen, teil an jener erhabenen Form, in der sich Gott als Schöpfer und Erhalter des Lebens offenbart? Lag diese Form nicht auch als geheimnisvollstes göttliches Gesetz über all den Dingen, die uns hier umgaben? Üben dem schlichten Altarlinnen, das gebleicht ist von der Sonne des Himmels und dem Wasser der Erde. Und der einfache gläserne Kelch, wahrhaftig ein „geistliches Gefäß“, der edle Duft des Weines, das weiße, kunstlos gebackene Brot der Hostie, das wohl nur der in seiner weihevollen natürlichen Grundsubstanz begreifen kann, der den Hunger, den Erzeuger aller menschlichen Sehnsucht, kennenlernte.

Als die Messe beendet war, blieben wir noch Gäste des Pater Sch., der uns zu einem Stücklein grauen Brotes einlud. Es war die Agape, das Liebesmahl der Urkirche. Uns aber war es, als hörten wir in weiten Fernen irgendwo eine Orgel zu einem festlichen Nachspiel aufrauschen.

Dr. Stephan Selhorst

 

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